Von Ralf Rankers

Als mir der Gedanke kam, mal eine Internetseite zum Thema Tonaufzeichnung zu erstellen, dachte ich darüber nach, wie ich das anfangen sollte. Ich suchte in Büchern und im Netz nach brauchbaren Informationen, die ich mit meinem eigenen Wissen verknüpfen konnte. Ich hatte eine große Schallplattensammlung, Singles, LPs, Schellackplatten und CDs. Die Schellackplatten hatten das typische Kratzen und Rauschen, die Singles und LPs schon nicht mehr, und die CDs waren glasklar im Klang. Während der ersten Gedanken zu dieser Internetseite wurde die CD 20 Jahre alt, und ich begann mich zu erinnern, wie das war, als ich Bekanntschaft machte mit diesem neuen Medium.

Eine kleine Geschichte aus meiner Jugend vorweg. Früher, so Mitte und Ende der 70er Jahre, kauften wir unsere ersten Platten, 19 Mark die LP, fünf Mark die Single, aber natürlich zählten nur LPs. Wer viele Platten hatte, war ein wichtiger Junge, wer die guten Platten hatte, noch wichtiger. Wir veranstalteten Schulfeten und freuten uns, wenn Bombenstimmung war und die ersten Mitschüler in den Ecken knutschten. Wir nahmen unsere Platten mit in die Schule und tauschten zum "Aufnehmen" auf Tonband.  Entscheidend war der Tag der Rückgabe, dann zogen wir die verliehene LP aus den quadratischen Papiertüten, holten sie aus der Hülle und hielten die schwarze Fläche penibel schräg ins Licht, "ey, die hat ’nen Kratzer", schimpften wir, wenn wir auch nur eine winzige Macke in den Rillen fanden. Und so entwickelten wir einen eigenen Bußgeldkatalog, kleine Kratzer 20 Pfennig, größere 50, und wenn die Nadel richtig hängen-, krrr, hängen-, krrr, hängen blieb zwei, und wenn das ausgerechnet bei "Tigerfeet" von Mud  war, auch fünf Mark.

Wir waren Vinylisten und konnten manche LPs mit den Augen hören. Wenn die Rillen eher flach und beinahe hell schimmerten, war es ein langsames Stück, wenn sie tief und zackig gefurcht waren, ein Gitarrensolo oder eben richtig Power. Irgendwann später maß sich unser kulturelles Selbstbewusstsein erst in der Zentimeter-, später in der Meterlänge unseres Plattenregals, und wir ordneten die Platten immer wieder neu, mal nach Freundinnen, mal nach "Knutschfaktor".

Man muss das ein bisschen erzählen, um die Ungläubigkeit, ja den Schock dieses Tages im Jahre 1982 zu begreifen. Erst sahen wir sie nur in den Nachrichten, dann, ein paar Monate später in der Stadt, schon in den Regalen. Die Compact Disc, die CD. Wir gingen hin, zum HiFi-Händler. Nach einem Gespräch mit einem Verkäufer schnippelte dieser eine CD wie einen Bierdeckel durch den Laden und sprang auch noch darauf, wir zuckten vor Schmerz. Dass die Silberscheibe anschließend in einen CD-Spieler, der noch beinahe koffergroß war, geschoben wurde und fehlerfrei und wuchtig Beethoven herausdonnerte, hielten wir für einen Trick. Wie überhaupt das Ganze doch scheitern würde, wie wir befanden. Alle Platten wegschmeißen und alles noch mal auf CDs kaufen? Unmöglich!

Wir waren gerade 20 und hatten unsere Welt im Griff. Wir konnten Receiver auseinander nehmen und wieder zusammenbauen, wir hatten durchschaut, dass Musik in Vinylrillen gepresst, von einer Nadel abgetastet hörbar wurde. Wir waren vollblütige Analog-Kinder, und die CD stellte nicht nur unser mühsames Wissen in Frage, sondern unser Weltbild. Weil wir sie nicht verstanden, technisch gesehen. Weder die Silberscheibe, in der man sich spiegelte, noch das Gerät, was seine Arbeit vor uns versteckte. Man konnte nicht sehen, was passierte, nicht eingreifen, die Nadel heben und punktgenau beim ersten Ton von "Super Trouper" landen. Man konnte nicht mehr sagen "zweite Seite, drittes Stück" und Recht haben. Jetzt gab es Nummern und es war schwer, sich zu merken, ob "Lady in black" von den Uriah Heep nun Nummer 14 oder 15 war. Und irgendwie war uns auch die Laufrichtung der CD suspekt, es ging nicht wie im Leben und auf einer LP von außen nach innen zum Mittelpunkt, sondern umgekehrt, von innen nach außen. Das alles widersprach unserer Lebensgrammatik.

Das ist jetzt genau 20 Jahre her. Heute gibt es Kinder, die nicht wissen, was vor der CD war. Digital-Kids. Sie wissen aber, dass auf die Kunststoff-Schicht einer CD winzig kleine Vertiefungen, so genannte "Pits" gebrannt werden, die von den Abständen dazwischen, den so genannten "Lands" getrennt werden. Der Lichtstrahl im CD-Spieler leuchtet nun bei einer Drehgeschwindigkeit von 1,28 Meter in der Sekunde in Linie diese Oberfläche ab und nimmt das unterschiedlich gebrochene Licht wieder als Information - Pit 1, Land 0 - auf, die er zu elektrischen Signalen und am Ende zu Tönen oder zu Daten macht. Ganz primitiv gesagt flackert in einem CD-Spieler ein schnelles An-Aus-Leuchtfeuer. Wäre eine der eingebrannten Pits so groß wie ein Reiskorn, müsste die CD 360 Meter Durchmesser haben.

Mit Silber oder Gold bedampft und mit einer Hartkunststoff-Schicht versiegelt, ist die CD gegen manche Misshandlung geschützt, tiefe Kratzer irritieren aber auch den Lichtstrahl, der dann zum nächsten lesbaren Datenstück hüpft oder hänhänhänhän-gen bleibt. Als Datenträger soll sie, so hieß es vor 20 Jahren, unendlich haltbar sein, aber heute schätzt man das Verfallsdatum auf 50 bis 100 Jahre, genau weiß es keiner, noch hat sich keine Pit-Land-Schicht aufgelöst. Dennoch scheuen sich Konzerne und Behörden, ihre Daten endgültig auf CD zu speichern, aus Sorge dass die Dinger das Gedächtnis verlieren.

Wer nun warum den Silberling erfunden hat, darüber gibt es hübsche analoge Anekdoten. Da soll es die Ehefrau des damaligen Sony-Chefs Akio Morita gewesen sein, die sich schon den Walkman wünschte und dann, 1974, zu ihrem Mann sagte, "erfinde mal etwas, damit wir Beethovens Neunte nicht immer umdrehen müssen, wenn’s gerade schön ist". Akio ging in seine Fabrik, und die Techniker bastelten jahrelang am Wunsch der Gattin. Andere erzählen, dass es Dirigenten-Gott Karajan war, der von seiner Plattenfirma ein Format verlangte, auf dem sich die Neunte am Stück speichern ließe. Deshalb hat die CD den rätselhaften Durchmesser von zwölf Zentimetern und speichert exakt 74 Minuten Musik - die Länge der Neunten.

Für die ersten CD-Prototypen, die im August 1982 aus einem Bayer-Presswerk in Hannover-Langenhagen kamen, war Beethoven noch zu datenriskant - man probte mit Chopin-Walzern und ABBA´s "The Visitors". Der Chemiekonzern Bayer und die damalige Polygram hatten damals seit 1974 im Wettrennen mit Sony und Philips den Kunststoff Makrolon entwickelt, weil mit dem Aufkommen der ersten Heimcomputer immer mehr Daten auf kleinen Trägern gespeichert werden mussten, die bis dahin gängige Floppy-Disc platzte aus allen Nähten. Ganz anders als im zuvor ausgetragenen Armdrücken um das richtige Video-Format VHS, Betamax oder Video 2000 einigten sich Philips und Sony schnell auf das Zwölf-Zentimeter-CD-Format mit 640 Megabyte Volumen und folgender Daten-Geometrie, gemessen vom 1,5 Zentimeter großem Innenloch: 1,55 Zentimeter leer, 0,2 Zentimeter Vorspann, 3,3 Zentimeter Daten, 0,05 Zentimeter Abspann, 1,5 Zentimeter leer im Durchschnitt. Der Lichtstrahl im CD-Spieler beleuchtet bei einem Durchgang in 74 Minuten 5,6 Kilometer Datenstrang.

Und wir? Na ja, wir freundeten uns mit der CD nicht an, wir gewöhnten uns an sie. Die Ersten, die sich einen dieser klotzigen Player kauften, bemeckerten wir noch als Überläufer, und wir versuchten in Hör-Nächten, das Vinyl siegen zu lassen. "Blue Monday" von New Order war gute Demoware - wir drehten voll auf, CD gegen Platte und im Getöse riefen wir uns zu: "Hörst, bei Platte kommt der Bass besser!" - was natürlich nicht stimmte. Und bei "Love in Vain" von den Stones klebten unsere Ohren an den Lautsprechern, weil wir glaubten, auf der Vinyl-Fassung Keith Richards Fingernagel auf dem Spiraldraht der Gitarrensaite schrammen zu hören. Wir hörten ihn. Auf der CD-Fassung.

Für die Musikindustrie war die CD ein Segen und ein Fluch. Ein Segen, weil wir uns nach und nach unsere Vinyl-Sammlung noch mal "digital remastered" zulegten. Und ein Fluch, weil es schwierig wurde, schlechte Musiker 74 Minuten lang schlechte Musik machen zu lassen. Früher reichte eine Single, die vielleicht ein Hit wurde, heute kommt garantiert ein Album hinterher, das sich nicht verkauft. Es folgten die Wechseljahre der Inneneinrichtung, neben dem Plattenstapel wuchs der CD-Haufen. Bei den Spießern unter uns stand neben dem acrylbetürten Plattenschrank nun einer dieser hässlichen CD-Türme, lackschwarz mit leicht schrägen Spalten für die "Jewel-Cases", wie die Plastikboxen heißen. Wir haben bis heute nicht verstanden, warum die Industrie ein so hochtechnisches, feinsinniges Werk wie die CD in eine so primitive Schachtel schieben kann, die zuverlässig immer beim ersten Hinfallen ihre Scharniere verliert.

Wir können uns kaum noch daran erinnern, wie es war, alle 25 Minuten eine Platte umzudrehen, das war so unser Knutsch- und Pettingrhythmus. Heute knutschen wir weniger und fummeln auch kaum noch, obwohl wir drei- oder fünffach-CD-Spieler haben, die die ganze Nacht erotisch konzertieren könnten. Natürlich kennen wir uns auch in der subversiven CD-Landschaft aus, wissen genau, auf welchem Album noch "hidden tracks", versteckte Stücke, zu hören sind. Auf der ersten Pressung von "Spaghetti Incident" von Guns`n´Roses zum Beispiel: 16 Minuten nach dem letzten Stück singt Axl Rose da eine Ballade, die Charles Manson einst schrieb und die in den USA auf dem Index steht. Neben unserem CD-Spieler steht selbstverständlich ein CD-Brenner, wir mögen schon das Wort, weil es ein bisschen illegal klingt. In unseren Brenn-Nächten lächeln wir leise, wenn eine Plattenfirma wieder versucht hat, eine CD mit einem Kopierschutz zu versperren und wir den längst knacken können. Manchmal bauen sie absichtliche Fehler auf das Original, die unser Brenner automatisch korrigieren und die Scheibe damit unspielbar machen würde. Also, Fehlerkorrektur beim Brennen abschalten.

Tja, nach 20 Jahren und weltweit 110 Milliarden gepressten CDs haben wir aufgeholt, nehmen die CD manchmal als Dekoration für den Partykeller und glauben, die Welt wieder im Griff zu haben. So wie damals.
Unsere Vinyl-Meter? Längst entsorgt oder eben auf CD gebrannt. Auch "Tigerfeet" von Mud. Hören wir zwar nie, aber der dicke Knacks ist noch immer da und kracht jetzt digital.

Was die Zukunft bringt? Nun, dem sehen wir gelassen entgegen. Inzwischen stehen die CD´s im Regal und verstauben, denn schon seit einiger Zeit wird gerippt, was das Zeug hält. MP3 heißt die Sprache, die der Musik-Freak heute spricht. 100 oder 500 oder 1000 Gigabyte Musik auf der Festplatte. Tausende verschiedener Titel. Von Hip-Hop über Pop und Rock bis zum Deutschen Schlager. Alles da. Auf Mausklick. Durch Filterfunktionen von Abspielprogrammen jederzeit sortierbar und abzurufen. Da sitzen wir und arbeiten mit Restaurationsprogrammen, um das ehemals geliebte, aber heute lästige Rauschen von den Aufnahmen zu entfernen.

Zum Schluss bleibt nur eine Frage: Was machen wir mit dem Knacks bei "Tiger Feet".....? 

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